Ist es für eine Sehtherapie für mich schon zu spät?

In einem unserer letzten Blogs haben wir darüber geschrieben, wann bzw. wie bald nach einem Schlaganfall man eine Sehtherapie starten sollte. Die Antwort war “jederzeit, sobald Sie über die nötige Zeit sowie die körperliche und geistige Fähigkeit verfügen, einen Therapieplan von zwei halbstündigen Sitzungen am Tag auf Ihrem Computer an sechs Tagen pro Woche für sechs Therapiemonate durchzuführen.“

Wir haben auf wissenschaftliche Rehabilitationsstudien verwiesen, die gezeigt haben, dass ein enger Zusammenhang zwischen frühzeitigem Therapiebeginn und bestmöglicher Verbesserung besteht. Obwohl ein Gesichtsfeldausfall nach Schlaganfall oder anderer Gehirnverletzung gar nicht so selten ist, wird dieser im Krankenhaus oft nicht richtig diagnostiziert, auch wird Sehtherapie in vielen Rehabilitationseinrichtungen gar nicht angeboten. Manchmal erfahren Patienten erst nach Monaten, bei einer Untersuchung in der augenärztlichen Praxis, dass sie einen homonymen Gesichtsfeldausfall haben. In den meisten Fällen wird ihnen dann mitgeteilt, dass es hierfür keine Behandlungsmöglichkeiten gibt. Es kann dann weitere Monate dauern, bis sie herausfinden, dass es doch Therapieoptionen gibt, und das zum Beispiel NovaVision Computerprogramme für zu Hause zum gezielten Training der Augenbewegungen (NeuroEyeCoach) und auch zur Verbesserung der Sehfunktionen im Gesichtsfeld (Visuelle RestitutionsTherapie, oder VRT) anbietet.

Aus diesem Grund stellen uns Patienten, die gerne eine Visuelle RestitutionsTherapie durchführen möchten, oder deren Angehörige häufig die Frage, ob es nun, Monate oder sogar Jahre nach Ihrer neurologischen Schädigung, nicht schon zu spät und das Zeitfenster für eine erfolgreiche visuelle Rehabilitation bereits verstrichen sei.

Entsprechende Forschung zur Visuellen RestitutionsTherapie hat gezeigt, dass das nicht so ist.  

Für eine unserer ersten Studien, “Computer-based Training for the Treatment of Partial Blindness” wurden in die Studie nur Versuchspersonen aufgenommen, die bereits mindestens 12 Monate lang mit einem Gesichtsfeldausfall leben. Die Studienteilnehmer zeigten eine durchschnittliche Gesichtsfeldverbesserung von fünf Sehwinkelgrad (lesen Sie hier auch unseren Blog über dessen Bedeutung für das Sehen), 70% berichteten Verbesserungen in ihren Alltagsaktivitäten.

Eine 2008 im Journal of Neurological Sciences publizierte retrospective Studie, “Visual field changes after a rehabilitation intervention: Vision restoration therapy”, untersuchte an 161 Patienten nach VRT die Frage, ob das Alter der Schädigung einen Einfluss auf den Therapieerfolg hatte, ob also bei einem bereits lange bestehenden Gesichtsfeldausfall geringere Chancen auf Verbesserung bestehen und umgekehrt. 43 dieser Personen begannen VRT innerhalb der ersten 12 Monate nach Einsetzen ihrer Gesichtsfeldeinschränkung. 118 Personen begannen zu einem späteren Zeitpunkt. Es fand sich kein Zusammenhang zwischen der Größe der Verbesserung und dem Alter der Schädigung – Personen, deren Gesichtsfeldeinschränkung bereits mehr als vier Jahre bestand, zeigten beispielsweise die gleichen durchschnittlichen Verbesserungen wie Personen mit einem erst kürzlich aufgetretenen Gesichtsfeldausfall.

2003 publizierte ein Forscherteam der Universität Turku in Finnland Untersuchungsergebnisse einer kleinen Gruppe von Patienten mit seit mindestens 12 Monaten bestehendem Gesichtsfeldausfall, die ein computergestütztes visuelles Stimulationstraining durchführten. Das Team konnte bei drei von fünf Patienten Gesichtsfeldverbesserungen in der Perimetrie feststellen. Ihre Schlussfolgerung: “It seems evident that visual field defects resulting from stroke can be partially restored even in the chronic phase“ (es erscheint erwiesen, dass Gesichtsfeldeinschränkungen nach einem Schlaganfall sogar in der chronischen Phase teilweise wiederhergestellt werden können).

Es ist also wissenschaftlich gut belegt, dass es niemals zu spät ist um eine Sehtherapie zu beginnen. Die visuellen Funktionen können für eine lange Zeit “schlummern”, dabei aber ihre Fähigkeit erhalten, auf Stimulation zu reagieren und wieder aktiviert zu werden. Auch Jahre nach einem Schlaganfall oder einer Hirnverletzung können Sie die Chance auf erhebliche Verbesserungen Ihres Sehvermögens, in Ihren Alltagsaktivitäten und Ihrer allgemeinen Lebensqualität haben.

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Literatur:

Kasten E, Wüst S, Behrens-Baumann W, Sabel BA (1998). Computer-based training for the treatment of partial blindness. Nature Medicine (4) Nr. 9, 1083-1087

Romano J,⁎Schulz P, Kenkel S, Todd DP (2008). Visual field changes after a rehabilitation intervention: Vision restoration therapy. J Neurol Sci, doi:10.1016/j.jns.2008.06.026

Julkunen L, Tenovuo O, Jääskeläinen S, Hämäläinen H (2003). Rehabilitation of chronic post-stroke visual field defect with computer-assisted training. A clinical and neurophysiological study. Restorative Neurology and Neuroscience (21), 19-28

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